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"Wegen Hexerey! Gefangen - Gefoltert - Verbrannt" - Ausstellung zeigt "Hexenverfolgung" in Eichstätt und setzt sich für Rehabilitierung der Opfer ein

Zuletzt aktualisiert von presse am 16. August 2017 - 11:12
"HexenBrand" von Wolfram Kastner

Bund für Geistesfreiheit München fordert Schuldbekenntnis des Bistums Eichstätt und kritisiert fehlende öffentliche Darstellung der Verbrechen des Massenmörders Fürstbischof Westerstetten

Im Fürstbistum Eichstätt wurden zwischen 1411 und 1637 mehr als 400 Menschen, zumeist Frauen, wegen "Hexerey" gefoltert und hingerichtet, allein von 1617 bis 1630 sind 274 Hinrichtungen belegt. An kaum einem anderen Ort im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" kamen mehr Menschen im Zuge der sogenannten "Hexenverfolgung" zu Tode. Die Ausstellung "Wegen Hexerey! Gefangen - Gefoltert - Verbrannt", die vom 25. August bis zum 15. September 2017 in der ehemaligen Johanniskirche am Domplatz 8 in Eichstätt zu sehen ist, zeigt Dokumente, Transkripte und historische Bilder der Verfolgung, der Marter, der Beraubung und der Justizmorde im Fürstbistum sowie Kunstwerke zum Thema von Wolfram Kastner und Hannes Kinau.

Die Motive der Täter waren religiöser Wahn, Sadismus, Macht- und Habgier. Exemplarisch veranschaulichen 45 Bild- und Texttafeln den Fall und das Leiden der zwölfmal gefolterten und "von Rechts wegen" verbrannten Bürgermeisterin Ursula Bonschab. "In Eichstätt wurden insbesondere vermögende Frauen und Männer als Hexen und Zauberer verfolgt und hingerichtet. Die Besitztümer und das Geld der Ermordeten hat sich die Kirche einverleibt und bis heute behalten. Für eine Rehabilitierung der ermordeten Menschen fühlen sich weder das Bistum noch die Stadt Eichstätt zuständig," kritisiert Ausstellungsveranstalter Wolfram Kastner vom Institut für Kunst und Forschung.

Massenmörder Fürstbischof Johann Christoph von Westerstetten

Besonders hervorgetan bei der Menschenjagd hat sich Fürstbischof Johann Christoph von Westerstetten, dem von 1617-1630 mindestens 274 Hinrichtungen anzulasten sind, wie die Nürnberger Historikerin Birke Grießhammer nachwies. "Dass dem Massenmörder Westerstetten überhaupt im Eichstätter Domkreuzgang gedacht wird, halten wir für einen Skandal und ein Armutszeugnis für das Bistum. Dort müssen umgehend Hinweise angebracht werden, die seine Verbrechen klar und deutlich nennen," fordert der Vorstand des Bundes für Geistesfreiheit München (bfg), der die Ausstellung finanziell unterstützt.

Schuldbekenntnis des Bistums und Rehabilitierung der wegen "Hexerey" Ermordeten steht aus

Wolfram Kastner und der Autor Claus-Peter Lieckfeld, Mitveranstalter der Ausstellung, verlangen vom Bistum ein ehrliches Schuldbekenntnis sowie die Rehabilitierung und Würdigung der Opfer. "Wir rufen den Oberbürgermeister und die Stadträte von Eichstätt, die Bürgerinnen und Bürger, den Bischof und die Gemeindemitglieder auf, dem Beispiel von Köln, Bad Homburg, Detmold, Lemgo, Osnabrück, Suhl u.a. zu folgen und jedes einzelne Opfer moralisch, theologisch und rechtlich zu rehabilitieren," sagt Wolfram Kastner. 
Claus-Peter Lieckfeld ergänzt: "Auch eine angemessene Würdigung der Opfer ist längst überfällig. Wir fordern, dass in Eichstätt ein Denkmal mit den Namen der zu Rehabilitierenden errichtet wird, dass im Rathaus, im Dom und an den Wohnorten der Verurteilten Gedenktafeln angebracht und dass in Eichstätt Straßen nach den Ermordeten benannt werden."

Viele Besucher und großes Interesse bei den  Medien

Laut Auskunft der Veranstalter haben in der ersten Woche schon 1285 Menschen die Ausstellung besucht. 235 Personen haben bisher eine Resolution unterschrieben, die dazu auffordert, dass in Eichstätt der Opfer der Morde namentlich gedacht wird. Eine Reaktion von Kirche und Politik in Eichstätt zu den Vorschlägen von Kastner und Lieckfeld gab es nach deren Angaben nicht.
Die Eröffnung der Ausstellung fand am Freitag, den 25. August, um 19 Uhr statt. Von 26. August bis 15. September ist die alte Johanniskirche von 11-18 Uhr geöffnet.
Die Süddeutsche Zeitung, der Donaukurier am 22.08., 27.08., 06.09., der Humanistische Pressedienst und Radio LORA München haben über die Ausstellung berichtet. Auch auf die Forderungen des bfg München hat der Donaukurier am 22.08. hingewiesen. 

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung

Sonntag, 27. August 2017 um 19.30 Uhr
prothocollum - Lesung aus dem Protokoll des Folterprozesses gegen die Bürgermeisterin Ursula Bonschab

Freitag, 1. September 2017, um 19.30 Uhr
Pater Spee - Anwalt der Hexen - Lesung des Autors Claus-Peter Lieckfeld aus seinem historischen Roman

Samstag, 2. September 2017, um 19.30 Uhr
Als Hexe verurteilt und hingerichtet: die Hebamme Barbara Khayer und die Wehmutter Margarethe Seybold - Vortrag und Lesung von der Historikerin Birke Grießhammer

Freitag, 8. September 2017, um 19.30 Uhr
Rehabilitation unmöglich? - Vortrag von Pfarrer Hartmut Hegeler, Autor und Gründer des Arbeitskreises Hexenprozesse, zu Möglichkeiten der Erinnerung und der Rehabilitation der wegen "Hexerey" Ermordeten

Dienstag, 12. September 2017, um 19.30 Uhr
Barbara Schwarz und das Feuer der Willkür: Ein Fall aus der Geschichte der Hexenverfolgung - Autorenlesung von Dr. Harald Parigger, Historiker und Direktor der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

(Datum und Gesprächsteilnehmer werden noch bekannt gegeben.)
Erforschen Erinnern Rehabilitieren - Öffentliches Gespräch zum Umgang mit den Justizmorden der Hexenjäger, zum Stand der Forschung, zu Formen der Erinnerung an die Verfolgten, zur Stellung der Katholischen Kirche und der staatlichen Rechtsnachfolger der damaligen Hexenjäger sowie zur Frage einer möglichen Rehabilitation