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150 Jahre Bund für Geistesfreiheit München - Gelungenes Fest im EineWeltHaus

Zuletzt aktualisiert von presse am 2. November 2020 - 14:43
150-Jahr-Feier im EineWeltHaus - Foto: Michael Geyer

Am 31. Oktober 2020 hat der Bund für Geistesfreiheit München (bfg München) seinen 150. Geburtstag im EineWeltHaus mit einem bunten Programm und einem vegetarischen Buffet gefeiert. Leider durften coronabedingt nur 40 Gäste teilnehmen.
 
Gegründet 1870 als "Schutzgemeinschaft" von nicht-katholischen Bürger*innen, Andersgläubigen, Agnostiker*innen und Atheist*innen reichen seine Wurzeln sogar noch weiter zurück - bis zum Vormärz und zur Revolution 1848/49. Und schon damals war eine der Hauptforderungen der "freireligiösen", später "freigeistigen", Bewegung die Trennung von Kirche und Staat. Heute macht sich der bfg München zudem stark für die Bewahrung der Grund- und Menschenrechte sowie Frieden und Abrüstung. Er setzt sich ein für ein selbstbestimmtes Leben und für die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse unter Beachtung ethischer Kriterien. Auf der Geburtstagsfeier sprachen verschiedene Referent*innen zu den Themen, die den bfg München derzeit umtreiben und für die er sich einsetzt. Durch die Veranstaltung führten die Vorsitzenden Assunta Tammelleo und Michael Wladarsch.
 
Wer sind die "Corona-Rebell*innen"?
 
Eine Frage, mit der sich die meisten in den letzten Monaten schon mal beschäftigt haben dürften, war dann auch: Wer sind eigentlich die sog. "Corona-Rebell*innen"? Was treibt diese Menschen an, auf "Querdenker*innendemos" zu gehen? Der Politologe Paul Kleiser hat sich damit auf dem Fest im EineWeltHaus auseinandergesetzt. Für ihn setzen sich die Corona-Rebell*innen aus ganz verschiedenen Gruppen zusammen, von denen viele säkularisierten Glaubensvorstellungen anhängen. Mit dabei Verschwörungstheoretiker*innen, Antisemit*innen, Esoteriker*innen, Anhänger*innen von Rudolf Steiner, Neofaschist*innen und das gesamte rechtsextreme Lager.


Paul Kleiser - Foto: Michael Geyer

Kleiser sieht bei den Corona-Rebell*innen insgesamt eine "Mischung aus Irrationalismus und rechten bis rechtsextremen Bestrebungen" und warnt "alle in Richtung Emanzipation arbeitende Menschen davor, sich ihnen anzuschließen (Link zum Audiobeitrag)". Der Politologe schloss seinen Vortrag mit den Worten des Kirchenkritikers Karl-Heinz Deschner: "Je größer der Dachschaden, um so freier der Blick zum Himmel."
 
Von der Revolution 1848 bis heute - Geschichte des Bund für Geistesfreiheit München
 
Am 28. Oktober 1870 wurde die Freireligiöse Gemeinde in München offiziell gegründet. Die Wurzeln des Bund für Geistesfreiheit München liegen aber noch weiter zurück, nämlich im Jahr 1844, wie Dietmar Freitsmiedl auf dem Fest erläuterte. Da schrieb der katholische Kaplan Johannes Ronge einen Offenen Brief an den Bischof von Trier, mit dem er gegen die Ausstellung des sog. "Heiligen Rock" im Trierer Dom protestierte. Aber Ronge ging es nicht nur um Aberglauben, sondern auch um eine Kritik an den herrschenden Zuständen, "weil ich es von meinem religiösen Standpunkt aus als eine gottlose Anmaßung betrachte, wenn unsere Fürsten sich allein von 'Gottes Gnaden' nennen, uns aber ihre 'Untertanen', da wir doch alle freie Gottessöhne und Brüder sein sollen".


Dietmar Freitsmiedl, Vorstand im bfg München - Foto: Michael Geyer
 
Aus dieser Auseinandersetzung um den "Heiligen Rock" gründeten sich in ganz Deutschland sog. Deutschkatholische Gemeinden. Als Sakramente gab es nur Taufe und Abendmahl, und die Priester wurden gewählt. Beichte, Reliquienverehrung, Fasten oder Wallfahrt lehnten sie ab. Damit hatten sich die Gemeinden von Rom losgesagt, und es kam zu tausenden von Kirchenaustritten.
Mit der Märzrevolution 1848 entstand auch in München eine Deutschkatholische Gemeinde. Und schon damals sei es in München nur noch wenig um "freie Religion" gegangen, sondern es sei, so heißt es in einer Stellungnahme des bayerischen Innenministers "ein crasser Materialismus gelehrt worden, es sei einer der Hauptgedanken, die Unsterblichkeit wegzudemonstrieren … und dass nicht nur ein Abstreiten des Christentums, sondern jeder Religion bereits im Anzuge, wenn nicht eine vollendete Tatasche sei … aber, dass bei solchen Einrichtungen (Stimmrecht und Wählbarkeit der Frauen in den Gemeinden) die Sitte nicht gefördert wird, ist wohl selbst klar." Nach dem Scheitern der Revolution war die Gemeinde in München schnell politischer Verfolgung ausgesetzt, 1851 wurde allen Gemeinden in Bayern die Anerkennung als Religionsgemeinschaft entzogen, 1852 wurden sie verboten (Audiolink zur weiteren Geschichte, auch zur wenig ruhmreichen im Nationalsozialismus).
 
Absolutes Tanzverbot an Karfreitag gekippt - Erfolg vor dem Bundesverfassungsgericht

 
Im Anschluss daran stellte Assunta Tammelleo vor, was den Bund für Geistesfreiheit München heute ausmacht und welche Ereignisse in den letzten Jahren besonders wichtig waren. So erklärte das Bundesverfassungsgericht am 7. Oktober 2016 das Verbot der "Münchner Heidenspaß-Party 2007" und die entsprechenden Bestimmungen des Bayerischen Feiertagsgesetzes für nichtig. Damit folgte es einer Verfassungsbeschwerde des bfg München, der sich durch alle Instanzen geklagt hatte. In seinem Urteil stellte das Gericht fest, dass am "stillen" Karfreitag sehr wohl getanzt werden darf – unter der Bedingung, dass der Tanz Ausdruck einer klaren weltanschaulichen Abgrenzung gegenüber dem Christentum ist. Daraufhin fanden in den letzten drei Jahren an Karfreitag Heidenspaßpartys im Münchner Blitz Club, im Oberangertheater sowie in Regensburg und Erlangen statt.


Assunta Tammelleo, Vorsitzende des bfg München - Foto: Michael Geyer
 
Gedenken an Charlie Hebdo und Der Freche Mario
 
Jedes Jahr erinnert der bfg München am 7. Januar, den Jahrestag des Attentats auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, mit einer Gedenkveranstaltung an die Opfer. Mit der Veranstaltung, bei der Kabarettist*innen auftreten und Karikaturen gezeigt werden, soll darauf hingewiesen werden, dass die mühsam errungene Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit zu jeder Zeit mit Nachdruck verteidigt werden muss, wenn sie nicht verloren gehen soll.
Mit der alle zwei Jahre stattfindenden Ausschreibung des Kunstpreises Der Freche Mario, möchte der bfg München alle Künstler*innen ermutigen, sich mit den sog. ewig währenden religiösen Wahrheiten und Autoritäten zu befassen. Er zeichnet Kunstwerke aus, die sich mit Glauben und Religion, Kirche und Klerus auseinandersetzen und ist mit 3.000 Euro dotiert.
 
Klagen gegen Kreuzerlass und bayerisches Polizeiaufgabengesetz
 
Aktuell klagen der bfg München und der bfg Bayern zusammen mit 25 Einzelpersonen, darunter der Liedermacher Konstantin Wecker, gegen den Kreuzerlass der bayerischen Staatsregierung. Alle Kläger*innen eint, dass sie auf Einhaltung der staatlichen, religiösen und weltanschaulichen Neutralität pochen und sich durch die Anbringung von Kreuzen im Eingangsbereich staatlicher Dienststellen in ihrer Glaubens-, Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit verletzt sehen. Ziel der Klage ist, dass die bayerische Staatsregierung dazu verpflichtet wird, den Kreuzerlass zurückzunehmen und die Kreuze zu entfernen. Auch gegen die Novellierung des bayerischen Polizeiaufgabengesetzes (PAG) haben der bfg München und der bfg Bayern Klage eingereicht. Aus Sicht der beiden Organisationen wurden noch nie so viele Grund- und Menschenrechte auf einmal verletzt wie beim PAG.
 
Weg mit den §§ 218 und 219 - Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafgesetzbuch!
 
Aktuell wird in Polen gegen die Verschärfung des eh schon sehr restriktiven Abtreibungsrechts demonstriert. Aber auch gegen die Gesetzeslage in Deutschland gibt es seit langem Widerstand. Denn hierzulande ist der Abbruch der Schwangerschaft durch die Frau noch immer ein Tötungsverbrechen. Er bleibt für sie jedoch straflos, wenn sie zuvor beraten wurde, wenn die Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung entstand oder wenn eine Gefahr für ihr Leben oder ihre Gesundheit besteht.
"Weg mit den §§ 218 und 219 - Schwangerschaftsabbruch raus aus dem Strafgesetzbuch!" - so der Titel des Vortrags von Juliane Beck vom Bayerischen Bündnis #Weg mit § 218 auf der Feier des bfg München.


Juliane Beck, Bayerisches Bündnis #Weg mit §218 - Foto: Michael Geyer

Sie forderte, dass "die frauen – und elternverachtende Realität der §§ 218 und 219a StGB ein Ende findet. (...) Die Anzeigen der Abtreibungsgegner haben die Öffentlichkeit erst darauf aufmerksam gemacht, dass hier ein Misstand besteht. Unser Bayerisches Bündnis mit SPD- und Grünen-Politiker*innen und Organisationen wie pro familia zeigt, dass unsere Vorschläge in immer weiteren Kreisen bekannt werden," sagte Beck und wies zum Schluss auf ein Zitat von Rita Süßmuth aus dem Jahr 1992 hin: "Niemand wird das Kind gegen die Mutter retten können, deswegen geht es nur mit der Mutter“ (Link zum Audio-Beitrag).
 
Internationale Frauenliga: "Demokratie und Sicherheit feministisch denken"
 
Eine Passage aus dem Grundsatzprogramm des Bund für Geistesfreiheit München lautet: "Humanist*innen tragen dazu bei, die Vielfalt der menschlichen Lebensformen als Bereicherung zu erfahren. Deshalb wenden sie sich gegen jede Diskriminierung auf Grund von ethnischer Abstammung, Geschlechtszugehörigkeit, nationaler oder sozialer Herkunft sowie auf Grund religiös weltanschaulicher Bindungen oder homosexueller Orientierung. Diese Vielfalt und die Toleranz ist Ausdruck von Freiheit in einer Gesellschaft." Passend dazu sprachen Brigitte Obermayer und Heidi Meinzolt von der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit im EineWeltHaus über "Demokratie und Sicherheit feministisch denken".


Heidi Meinzolt, Internationale Frauenliga - Foto: Michael Geyer

Dazu stellten sie die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats zum Schutz von Frauen vor, in der es um die drei "P's" geht: Partizipation von Frauen bei Friedensprozessen, Prävention von Kriegen und Protektion vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Als erstes aber erläuterte Brigitte Obermayer, warum Bund für Geistesfreiheit und Internationale Frauenliga einiges miteinander verbindet (Link zum Audiobeitrag).


Brigitte Obermayer, Internationale Frauenliga - Foto: Michael Geyer

Friedensmacht Europäische Union?
 
Am Ende der Redebeiträge auf der 150-Jahr-Feier des Bundes für Geistesfreiheit München beschäftigte sich Thomas Rödl von der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinte Kriegsdienstgegner*innen mit dem Thema "Friedensmacht Europäische Union?"
Das ist für den bfg München durchaus eine wichtige Frage. Heißt es doch im Grundsatzprogramm der Organisation: "Krieg, Produktion von Massenvernichtungsmitteln und Waffenhandel sind Ausdruck inhumaner und irrationaler Verhaltensweisen. Dauerhafter Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit sind dagegen zentrale Ziele des Humanismus." 


Thomas Rödl, Deutsche Friedensgesellschaft - Foto: Michael Geyer

Wie friedlich die EU wirlich ist, die ja im Vergleich zu den USA als Soft Power betrachtet wird, wollten wir von Thomas Rödl wissen, dem der Begriff "Friedensmacht EU" während der Vorbereitung des Vortrags immer fragwürdiger erschien. Sein Fazit: Ob die EU ein Militärblock oder ein Friedensblock wird, das hänge von uns bzw. der Gesellschaft ab, die sich gegen Krieg und Aufrüstung sowie für zivile Konfliktbearbeitung einsetzen müsse (Link zum Audiobetrag).

Nach den Redebeiträgen bedankte sich Moderator Michael Wladarsch bei den Referent*innen und lud die Gäste zum vegetarischen Buffet, an dem wie an der ganzen Veranstaltung coronabedingt nur 40 Leute teilnehmen konnten.


Michael Wladarsch, Vorsitzender des bfg München, an Halloween - Foto: Michael Geyer