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Brauchtum mit antisemitischem Einschlag: „Judasfeuer" in der Kritik

Zuletzt aktualisiert von presse am 4. April 2020 - 14:35

Kurz vor Ostern werden auch heute noch in Teilen Bayerns sogenannte „Judasfeuer" entzündet, die in einer antisemitischen Tradition stehen, schreibt die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) in einer Mitteilung vom 2. April 2020. Der Brauch, bei dem teilweise Puppen in Menschengestalt verbrannt werden, diene der symbolisch-rituellen „Bestrafung" der biblischen Figur Judas Iskariot für seinen Verrat an Jesus Christus. Judas Iskariot werde in antijudaistischer Tradition christlicher Prägung mit „den Juden" identifiziert, so RIAS Bayern.

Wir zitieren an dieser Stelle aus ihrer Pressemitteilung:

„Aufgrund von Corona werden in diesem Jahr wohl kaum Judasfeuer stattfinden. Somit eine Gelegenheit, sich mit der antisemitischen Tradition der Feuer auseinanderzusetzen. Vielen Menschen, die die Feuer veranstalten oder daran teilnehmen mag der antisemitische Hintergrund des Judasfeuers gar nicht bewusst sein.  Auf diese Leerstelle wollen wir aufmerksam machen", sagte RIAS-Bayern-Leiterin Dr. Annette Seidel-Arpacı.

Die „Judasfeuer", die nicht mit traditionellen Osterfeuern zu verwechseln sind, konzentrieren sich auf die Gegend zwischen Donauwörth, Ingolstadt, Augsburg, Landsberg am Lech und München sowie Teile Unterfrankens. Dabei handelt es sich seltener um kirchliche Veranstaltungen. Ein Großteil der Feuer wird von christlichen Laien, oft Jugendlichen, die in örtlichen Vereinen organisiert sind, veranstaltet.

Ein „Judasfeuer" im polnischen Pruchnik sorgte 2019 für weltweite Empörung, Anlass für die Recherche- und Informationsstelle hier weiter nachzuforschen. In Pruchnik wurde eine Puppe mit der Bezeichnung „Judas 2019" verbrannt, die mit Hakennase und orthodox-jüdischer Kopfbedeckung und Haartracht entsprechend stereotyper antisemitischer Vorstellungen gestaltet war. Die „Judasfeuer" in Bayern finden laut RIAS Bayern zwar nicht mit einer derartigen antisemitischen Markierung statt, gründen aber auf derselben Tradition. Noch im 20. Jahrhundert wurden in Bayern die Feuer teilweise „Jud" oder „Judenfeuer" genannt.

RIAS Bayern nimmt Meldungen über antisemitische Vorfälle auf und unterstützt Betroffene von Antisemitismus in Bayern. RIAS Bayern ist beim Bayerischen Jugendring (BJR) angesiedelt und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales finanziert.

Die Broschüre ist als Download im BJR-Web-Shop erhältlich."