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Debatten um Euthanasie und Patientenverfügung

Zuletzt aktualisiert von bfg-muenchen am 20. Oktober 2011 - 2:00

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Am 29. August 2011 steht im wordpress-Blog: Bundesärztekammer distanziert sich vom Bund katholischer Ärzte

(MIZ 31.7.) Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat die Entscheidung des Deutschen Ärztetages begrüßt, das Verbot der ärztlichen Beihilfe zum Suizid eindeutig im Berufsrecht festzuschreiben. ZdK-Sprecher Josef Winkler, Bundestagsabgeordneter der Grünen, nannte das Votum „ein starkes Signal gegen eine fortschreitende Aufweichung des Lebensschutzes und für die Wahrung der Würde des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum Tod“. Mit keinem Wort erwähnte er das Selbstbestimmungsrecht von betroffenen Patienten, die bei schwerem Leiden über den Zeitpunkt ihres Todes entscheiden wollen.
Besorgt äußerte sich der Sprecher, dass der Ärztetag in einer weiteren zentralen bioethischen Frage „einen anderen Maßstab angelegt“ und sich für eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgesprochen habe. Auch wenn die Ärzte bei der assistierten Reproduktion „im Dienst ihrer Patienten, der betroffenen Paare“, stünden, seien die „sozialethische Dimension der PID als Selektionstechnik“ und deren weitreichende gesellschaftliche Folgen schwerer zu gewichten. Auch hier verlor der kirchenpolitische Sprecher der Grünen kein Wort über das Selbstbestimmungsrecht von Müttern, die auf natürliche Weise kein Kind bekommen können und deshalb eine Befruchtung der Eizelle außerhalb des Mutterleibs vornehmen lassen müssen. Außerdem verschwieg Winkler, dass die PID jährlich nur etwa 150 von 600.000 Geburten betrifft, sodass von „weitreichenden gesellschaftlichen Folgen“ bei der Freigabe der PID - die übrigens in 24 von 27 EU-Staaten schon Realität ist - keine Rede sein kann. (KNA, 4.6.11)

Gewissensfreiheit der Ärzte respektieren! von Gerhard Rampp (2. Vorsitzender bfg Bayern, 27.7.)
Der Bund für Geistesfreiheit (bfg), als Körperschaft des öffentlichen Rechts den Kirchen rechtlich gleichgestellt, fordert die Bundesärztekammer (BÄK) auf, die allgemeinen Grundrechte und speziell die Gewissensfreiheit des einzelnen Arztes beim Umgang mit Sterbenden oder Sterbewilligen zu respektieren.
Bekanntlich wurde gegen den langjährigen Widerstand der BÄK vor zwei Jahren ein Patientenverfügungsgesetz verabschiedet, das der Selbstbestimmung des Patienten Vorrang vor dem Willen anderer einräumt, wenn es um den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen geht. Vor einem Jahr entschied der Bundesgerichtshof, dass ein solcher Verzicht auf Lebensverlängerung auch die Rücknahme oder den Abbruch bereits eingeleiteter lebensverlängernder Maßnahmen umfasst. In beiden Fällen bewies die Bundesärztekammer, dass sie nicht unbedingt eine Vorkämpferin für die Rechte des Individuums ist, sondern sie eher zu verhindern sucht.
Nun geht es beim Ärztetag 2011 um den Umgang mit Menschen, die aus nachvollziehbaren Gründen - meist wegen eines schweren, schmerzhaften Leidens, das aber nicht unmittelbar zum Tode führt - aus dem Leben scheiden und einen sog. „Bilanz-Suizid“ durchführen wollen. Rechtlich ist das unstrittig straffrei, ebenso die Beihilfe hierzu, sofern die Tatherrschaft beim willensfähigen Betroffenen bleibt. Auch ein Arzt macht sich hierbei nicht strafbar. Dennoch will die Ärztekammer solche Ärzte „standesrechtlich“ belangen und damit die Gewissensfreiheit der Mediziner stärker einschränken als der Gesetzgeber, wenn sich Bestrebungen durchsetzen, einem Arzt einen solchen „assistierten Suizid“ zu untersagen. Zwar bleibt zweifelhaft, ob solche Maßnahmen der BÄK einer gerichtlichen Prüfung standhalten, aber allein der Versuch Ärzte einzuschüchtern, die sich am Patientenwillen orientieren, ist ethisch aufs Äußerste verwerflich. Es stellt sich auch die Frage, wie lange solche „Kammern“ - Relikte aus mittelalterlichen, vordemokratischen Zeiten - überhaupt beibehalten werden sollen.
Der Bund für Geistesfreiheit ist selbstverständlich der Auffassung, dass kein Arzt gegen seinen Willen an einem assistierten Suizid mitwirken muss, wenn er ihn z.B. aus religiösen Gründen ablehnt. Umgekehrt dürfen aber religiöse Normen auch nicht verbindlich für andersdenkende Ärzte sein. Gewissensfreiheit muss für alle gelten!

Peter Singer hat den Ethikpreis der Giordano-Bruno-Stiftung erhalten, und nun stehen seine Thesen in der Kritik. Er hat die Tötung schwerstens behinderter Säuglinge befürwortet, und darüber geraten die religiösen Stimmen in zornige Ekstasen. "Der australische Euthanasie-Befürworter verbreite eine Philosophie der Angst", befindet die Junge Welt, und die "Tier-Mensch-Grenze sei eingeebnet" (1.6.). Am letzteren ist tatsächlich was dran, wenn auch aus gutem Grund. Das erstere zeigt auch schon Wirkung bei manchen Leuten, die sich betroffen fühlen. Das hat zwar nichts mit der tatsächlichen Aussage zu tun, nach der er nur um Neugeborene ging. Aber das Euthanasie-Wort macht die Runde, und solche Ideologien machen vielen Angst.
Der hpd nimmt dazu Stellung mit Verleumdung als Methode. Dort ist zu lesen, was man von diesen  "Aufklärungsartikeln" zu halten hat, und die Methode der Manipulation wird klar.

Rückschritt bei der Sterbehilfe - der hpd kommentiert die Beschlüsse des Ärztetages (2.6.). Zitat: "Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten." Das ist eine schwere Beeinträchtigung des Selbstbestimmungsrechts. Vielleicht lässt sich auf dem Weg einer Verfassungsklage gegen die religiöse Bevormundung innerhalb der Ärzteschaft vorgehen.

Zur Sterbehilfe hat die Abendzeitung in München einen wirklich schönen Artikel gebracht (25.5.). "Der "Meisterlöwe" Timo Konietzka plant seinen Tod. Wie zuletzt Gunter Sachs und Rena Lange will er sich das Leben nehmen. Der Ex-Nationalspieler ist in der Schweiz daheim, dort ist Sterbehilfe erlaubt. Die AZ besuchte ihn am Vierwaldstätter See."

Das Thema wird aktuell aufgegriffen von "Humanismus aktuell" (31.3.) "Ein weiterer Schwerpunkt dieser Ausgabe ist dem selbstbestimmten Sterben gewidmet. In seinem philosophischen Essay "Freiheit im Leben - Freiheit zum Tode" beschreibt Joachim Kahl den Wunsch nach Sterbehilfe als Ausdruck der natürlichen Hilfsbedürftigkeit des Menschen. Was für die Geburt und die Kunst der Lebensführung akzeptiert sei, dürfe am Ende nicht verweigert werden: "Geburtshilfe, Lebenshilfe, Sterbehilfe - wir brauchen sie alle drei, jeweils zu ihrer Zeit", so Joachim Kahl. Die Humanistische Union wird sich dieser Frage in der kommenden Woche auf einer Fachtagung widmen, die sie gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben in Berlin anbietet. Eine Ankündigung dazu finden Sie im Heft und auf unserer Webseite."

Als Tröstung ein Ketzerspruch vorweg (3.3.): Wenn Du stirbst, kommst Du Gott näher - weil Du dann auch nicht (mehr) existierst. Und gleich noch ein weiteres Bonmot  von lolgod.blogspot.com wo sich ein HOUSE als Guru darstellt:
EVE: … every life matters to God.
HOUSE: Not to me, not to you. Judging by the number of natural disasters, not to God either.
Note: this dialog takes place immediately after Eve has found out that she is pregnant, and House has mentioned the possibility of an abortion.
Damit ist man dem Thema Sterben und Patientenverfügung von der religiösen Seite her nahegerückt. Zeit für die trockene Materie selber.

Zwei interessante Artikel aus dem D. Ärzteblatt betreffs „Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“ (DÄB Heft 7, 18.02.11) und „Beihilfe zum Suizid“ (durch den Arzt) DÄB Heft 5, 04.02.11, bfg-Kommentar dazu: Die pseudomoralischen Neinsagerfronten scheinen endlich in Bewegung zu kommen und humanistischeren  Aspekten Platz zu machen.

Die Patientenverfügung ist ein wichtiges Dokument, das den Menschen in der Endphase beisteht. Wer noch nicht gesehen hat, was die ärztliche Kunst an den Halbtoten zuwege bringt, dem steht eine betroffen machende Aufklärung bevor. Wenn jemand alt und krank ist, will er wahrscheinlich gar nicht der ganzen Palette von ärztlichen Maßnahmen unterworfen werden. Schon das Füttern ist oft eine Qual, die den Tod hinausschiebt und das Leiden verlängert, ganz abgesehen von Magensonden und Dauerinfusionen und anderen Entwürdigungen.

Wer es gut mit sich selber meint, und wer sich auch ohne allzuviele lebensverlängernde Maßnahmen mit dem Tod abfindet, der sollte sich um eine Patientenverfügung bemühen. Sonst wird das gesamte Arsenal der medizinischen Möglichkeiten an ihm exekutiert. Probleme gibt es für die Gläubigen, die nicht freiwillig aus dem Leben scheiden dürfen. Ein EKD-Text zur entsprechenden Befehlsausgabe:

"Wir können über unser eigenes Leben nicht grenzenlos verfügen. Genauso wenig haben wir das Recht, über den Wert eines anderen menschlichen Lebens zu entscheiden. Jeder Mensch hat seine Würde, seinen Wert und sein Lebensrecht von Gott her. Er ist darum ungleich mehr, als er von sich selbst weiß. Kein Mensch kann genau wissen, was er für andere bedeutet. Im Glauben an den Gott des Lebens wissen wir, dass jeder Mensch mit seinem Leben - wie immer es beschaffen ist - unentbehrlich und wertvoll ist."

Eine sehr vernünftige Darstellung findet sich beim HVD, da geht es auch darum "Freiheit haben, human zu sterben." Der HVD findet es nicht zulässig, das mit der Patientenverfügung zu verknüpfen, aber der Zusammenhang ist natürlich gegeben. Ausführliches Material und weiterführende Links bei patientenverfügung.de Ein Auszug: „Allerdings ist in dem neuen Dokument auch deutlich die Wertvorstellung vor allem der katholischen Kirche enthalten. Schon vor zwei Jahren unterstrich die Deutsche Bischofskonferenz, dass sich aus ihrer Sicht Patienten im Wachkoma oder mit schwerster Demenz nicht in der Sterbephase befinden. In der nun vorgestellten Version rät deshalb die katholische Kirche „dringend“ davon ab, das Sterben im Wachkoma zuzulassen." Und ein Link auf welt.de zu dem Thema.

Ein religionskritischer Kommentar dazu von Prof. Dr. Gernot Lucas: "Der bundestag hat mit neuen gesetz die entscheidungsfreiheit der patienten gestärkt und in diesem punkt als nächsten schritt die klerikale vormachtstellung und bevormundung in unserem eigentlich säkulären staat aufgehoben.
Der heftige widerstand aus der katholischen kirche blieb erfolglos. so ändern sich langsam aber sicher die zeiten.
Jetzt darf jeder bundesbürger vorab - wie in vielen anderen ländern der welt -,  seine behandlungswünsche und behandlungsverbote festlegen. Das ist dann gesetzlich verbindlich umzusetzen!
Für katholiken gibt es aber weiter auf deren besonderen, masochistischen wunsch die kirchlich, private MÄRTYRTER-VARIANTE  einer "christlichen patientenvorsorge" bis zum bitteren ende."