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Kommentar zur Missbrauchsdebatte

Zuletzt aktualisiert von bfg-muenchen am 10. Mai 2010 - 2:00

Aktualisiert 05.10.: Volker Pispers über die Mißbrauchsfälle in der katholischen Kirche und die Tradition des Wegsehens...

... und dann fragt man in der Leserbriefseite der Süddeutschen Zeitung vom 4.10. ganz zurecht: "Ein Organist trennt sich von seiner Frau und lebt mit einer anderen Frau - dafür gibt's die Kündigung wegen "Verstoß gegen die Grundordnung der katholischen Kirche." Aber ein Bischof mißhandelt Kinder und veruntreut Geld und darf weiter Beichten abnehmen usw, und er bekommt als Alterswohnsitz eine hochherrschaftliche Villa." (nicht wörtlich zitiert). Da wird mit zweierlei Maß gemessen, und es sagt allerhand über die Grundordnung der katholischen Kirche aus.

Ein Beitrag zur Missbrauchsdebatte von Prof. Dr. Gernot Lucas :"DIE BEICHTE - MEIN FALL VON KINDESMISSBRAUCH".
Zum Ende der Ära Mixa
Nun hat ja doch alles ein gutes Ende gefunden - Ex-Bischof Mixa erhält Pension von 5.400 Euro monatlich - aus Steuergeldern

Sarah Jäckel, Vorstandsmitglied vom bfg München, hat es wohl geahnt, als sie dies schieb: Herzlich Willkommen in der Realität - nicht nur zum Thema Übergriffe der kirchlichen Amtsträger, sondern ganz fundamental:
Zum Ende der Ära Mixa
Einer der überstrapaziertesten Begriffe in der Politik dürfte wohl der vom „historischen Moment“ sein. Was wurde nicht schon alles in den Rang der epochemachenden Vorgänge gehoben, das sich im Nachhinein als laues Lüftchen entpuppt hat. Und doch - es gibt Momente, in denen sich das unbedingte Gefühl einstellt, den Beginn einer fundamentalen Umwälzung zu erleben. So ein Moment scheint der Mai 2010 zu sein. Die Welt steuert auf eine Neuordnung zu, deren Form noch nicht einmal in Ansätzen zu erkennen ist. Die Strukturen, die einst klare Kanten zwischen Westen und Osten, dem „christlichen Abendland“ und den Rest der Welt zogen, sind endgültig Geschichte. Fast 2000 Jahre war die katholische Kirche eine der zentralen Säulen dieser Gesellschaftsordnung. Das Mittelalter ging, der Absolutismus auch, die Zivilgesellschaften lösten die feudalen Strukturen endgültig ab. Selbst die letzten Gottesstaaten wie Saudi Arabien scheinen zu erkennen, dass sie sich keine Parallelgesellschaften in Kirchen und Moscheen mehr leisten können. Denn die Religionsgemeinschaften haben versagt, absolut versagt. Sie sind in der Hybris ihrer selbst erklärten Unfehlbarkeit erstarrt. Walter Mixa ist mehr als nur ein gefallener Bischof. Er war das Role Model einer auslaufenden Ära, selbstgefällig und selbstherrlich, ein Mann der sich selbst ausserhalb der Gesellschaft und ihrer Kontrolle sah. Er reflektierte das Selbstverständnis einer Institution, die nie wirklich in der Gesellschaft angekommen ist, in deren Mitte sie sich doch selbst sieht.
Es mag eine unendlich schmerzhafter Erfahrung für Menschen sein, die sich einer jahrtausendelangen Tradition der Immunität wähnten, zu erleben, dass sie eben diese verloren haben. Ob Politiker oder Bischof - die Kommunikationsgesellschaft ist in der Lage und willens, jeden zu entlarven, der sich außerhalb der Legalität bewegt. Die tradierte Zurückhaltung dem Klerus gegenüber ist Geschichte, daran werden auch die hysterischen Reaktionen der katholischen Rechten nichts mehr ändern, die sich als Ziel einer Medienkampagne wähnen. Walter Mixa ist kein Opfer einer konstruierten Verschwörung, keine Freimaurer oder die in diesen Kreisen immer noch beliebte „jüdische Weltverschwörung“ brachte ihn zu Fall. Er selbst hat dies zu verantworten - und das System, in dem er schalten und walten konnte, wie er wollte. Ihm war es möglich, über Jahre trotz Gerüchten und wohl dem Wissen seiner nächsten Umgebung immer weiter zu machen. Und in der Konsequenz kriminell zu werden, denn es geht hier nicht um ein paar Verfehlungen gegen kirchliche Moralvorstellungen. Walter Mixa hat sich strafbar gemacht, als hoher Vertreter einer hohen Moral - und als ein vom Staat bezahlter Amtsträger.
Der Papst, der ihn eingesetzt hat, hat ihn auch wieder entlassen. Das wäre in einer Firma ein normaler Vorgang, doch für die Kirche ist es viel, viel mehr. Es ist der Anfang vom Ende der Selbstständigkeit einer Institution, die es für sich noch nie nötig gesehen hat, auf öffentlichen Druck zu reagieren. Sie hat das Konkordat überlebt und den Verrat an den europäischen Juden durchgestanden. Doch Übergriffe auf die ihnen zur Erziehung anvertrauten Kinder treffen sie in einer nie da gewesenen Form: sie erschüttern das Vertrauen der Gläubigen bis ins Mark. Und die Verlogenheit und Uneinsichtigkeit der Aufarbeitung erledigen den Rest.
Ein Walter Mixa alleine wäre viel zu klein und zu unbedeutend, um einen Riesen zum Schwanken zu bekommen. Doch er ist eben nicht alleine, es gibt viele Mixas in dieser Kirche, viel zu viele, um der Systemfrage noch zu entkommen. Auch wenn noch keiner des Führungspersonals den Mut hat die Wahrheit zu sagen: die Diskussion läuft längst. Ob Zölibat, Kirchensteuer oder Frauenpriestertum - die Zentralfesten der katholischen Kirche stehen jetzt auf dem Prüfstand und in einem gnadenlos hellen Licht der Öffentlichkeit.
Die Kirche beginnt gerade, da anzukommen, wo alle anderen schon längst sind: in der Realität der Gesetze und der staatlichen Instanzen. Gegen ihren Willen, und gegen ihren massiven Widerstand. Doch es wird nichts ändern. Dafür ging unter anderem auch Walter Mixa zu weit. Ob er seinen persönlichen Lebensabend in einer Entzugsklinik fristen wird oder im Gefängnis, wird nichts mehr ändern, der Stein rollt. Die Tatsache, dass ein unantastbarer Mann Gottes in lediglich ein paar Wochen in der öffentlichen Wahrnehmung zum alkoholkranken Kriminellen absteigt, wird nicht ohne Spuren bleiben. Denn jetzt ist es endgültig klar: es kann jeden erwischen, ob Priester oder Papst. Und damit ist auch der Nimbus der Kirche, jenseits von allem zu stehen, erloschen. In Zukunft werden sich ihre Vertreter für ihre Taten im Guten wie im Schlechten verantworten müssen wie alle anderen auch.
Und ist nach 2000 Jahren auch weit mehr als überfällig.