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Säkulare Grüne Bayern für verpflichtendes Unterrichtsfach „Philosophie und Religionskunde“ für alle

Zuletzt aktualisiert von presse am 12. Dezember 2019 - 16:38

Wie ein Teil der Grünen-Mitglieder zu einem verpflichtenden Unterrichtsfach "Philosophie und Religionskunde" (oder auch "Ethik") steht, geht aus dem am 16. November 2019 beschlossenen Positionspapier "Integration fördern - Zusammenhalt stärken" der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Säkulare Grüne Bayern hervor, das wir an dieser Stelle im Wortlaut dokumentieren:
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Ausgangslage
 
1.  Deutschland hat sich seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 weltanschaulichreligiös stark verändert. Während 1951 noch mehr als 96% einer christlichen Kirche angehörten, ist die Zahl der Christ*innen sowohl vor als auch nach der Wiedervereinigung 1990 in unveränderter Größenordnung kontinuierlich gesunken. Der Anteil der Katholiken sank von 35,4% auf 27,7%, der Anteil der Evangelischen von 36,9% auf 25,5%. Parallel dazu ist die Zahl der Menschen ohne organisierte religiöse Bindung stark gestiegen – darunter viele Atheist*innen und Agnostiker*innen. Der Anteil der Konfessionsfreien sowie der Menschen ohne Religionszugehörigkeit lag Ende 2018 bei 37,8%.
 
2.  Selbst laut einer von den beiden großen Kirchen in Deutschland geförderten Studie des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg wird diese Entwicklung weitergehen und sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren.
 
3.  Durch Einwanderung und Flucht leben heute einige Millionen Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern bei uns, darunter nicht nur Muslimas und Muslime (ca. 5%), sondern z.B. auch Christ*innen, Alevit*innen, Yezid*innen und Menschen, die keiner Religion (mehr) angehören. Der Anteil der Angehörigen anderer (sonstiger) Religionsgemeinschaften liegt in der Gesamtbevölkerung bei knapp 4%.
 
4.  Durch religiös motivierte Terroranschläge, Kriege und Vertreibungen sind in den letzten 50 Jahren weltweit viele Millionen Menschen umgekommen, davon Zehntausende in Europa.
 
5.  In der Argumentation rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien spielen diffuse religiöse Hintergründe eine gewichtige Rolle. Sie erleichtern es, der oftmals völkischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Rhetorik den Anschein von Legitimität zu verleihen.
 
Wege zur Förderung der Integration und Stärkung des Zusammenhalts
 
Eine Partei, die das friedliche Zusammenleben und den Zusammenhalt der Gesellschaft fördern will, muss alle geeigneten Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit, Fundamentalismus und Terrorismus ergreifen.  
 
Der geeignetste Ort zur Integration in die Gesellschaft ist zweifellos die Schule.
 
Wo, wenn nicht in unseren Schulen, kann ein aufgeklärter kritischer Umgang mit religiösen und religionsfreien Weltanschauungen gelehrt und gelernt werden? Wie sollen Toleranz, Verständnis und Kritikfähigkeit gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden wachsen, wenn dem nicht Raum gege-
ben wird in unseren Bildungseinrichtungen?  
 
Für ein friedliches Miteinander braucht es Reflexion, Wissen und Diskussionen über unterschiedliche Weltanschauungen aus verschiedenen Perspektiven – auch und vor allem im jungen Alter und nicht zuletzt in einem geschützten und moderierten Raum, den die Schule idealerweise bietet.  
 
Schüler*innen für gemeinsamen Unterricht aller Konfessionen
Die beiden groß angelegten Studien der Theologischen Fakultäten der Universitäten Tübingen (2018) und Kiel/Flensburg (2017) unterstreichen, dass die Schüler*innen mit großer Mehrheit für einen gemeinsamen Unterricht aller Konfessionen im Klassenverband sind. Den Schüler*innen geht es dabei um „die Bedeutung des Lernens von Toleranz und Respekt gegenüber ‚Anderen‘ als Grundlage für gesellschaftliches Leben in religiöser Pluralität“ (Kiel/Flensburg).  

Religionslehrkräfte für gemeinsamen Unterricht aller Konfessionen
Für 74,2% von 1232 befragten evangelischen Religionslehrkräften (Kiel/Flensburg) ist „die ideal zusammengesetzte Lerngruppe für den Religionsunterricht“ eine Klasse aller Schüler*innen „unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit“. Diese Zusammensetzung kommt rechtlich nur für eine „Ethik-Klasse“ infrage.
 
Religionsunterricht separiert, desintegriert und betont die Unterschiede
Religionsunterricht ist separierend und wirkt desintegrierend, er betont die Unterschiede. Die Schüler*innen werden getrennt beschult. Sie können nicht hören, was ihre Mitschüler*innen äußern, und sie können ihren Mitschüler*innen nicht sagen, was sie selbst denken. Dass diese räumliche Trennung die Bildung von Parallelgesellschaften und die Abschottung in Gruppen begünstigt, ist offensichtlich.
 
Religionsunterricht kann Wahlfach sein
Laut Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz wird Religionsunterricht als „ordentliches Lehrfach“ definiert. Religionsunterricht kann deshalb sowohl als Pflicht- als auch als Wahlfach angeboten werden.  
 
Identität muss tragfähig sein
Wenn Identität als der Antwortversuch auf die Frage „Wer bin ich?“ zu verstehen ist, kann sich eine tragfähige religiöse (oder eine andere) Identität nicht durch einfache Übernahme von „Glaubenssätzen“ herausbilden, sondern nur in Kenntnis und in Auseinandersetzung mit anderen Antworten auf die Frage nach der eigenen menschlichen Existenz. Nur wer über den eigenen Tellerrand hinausschaut und offen für andere Sichtweisen und Argumentationen ist, kann eine tragfähige Identität entwickeln.
 
Christen gegenüber Muslimen negativer eingestellt als Konfessionslose
Die PEW-Studie von 2018 zeigt, dass in Deutschland sowohl praktizierende (55%) als auch nicht praktizierende (44%) Christen weitaus eher als Konfessionslose (32%) dazu neigen, negative Ansichten über Einwanderer, Muslime und Juden zu vertreten. Die Reihenfolge der Ressentiments lässt sich vor allem mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe erklären. Je stärker dieses Gefühl, desto eher werden Fremde als Feinde angesehen, die die Gruppe in ihrem Bestand gefährden. Bei religiösen Gruppen kommt noch der „Wahrheitsanspruch“ hinzu, also die Meinung, den „richtigen Glauben“ zu haben, während alle anderen den „falschen Glauben“ haben. Religiöse Gruppen haben ihren Glauben gemeinsam, während Konfessionslose nichts Gemeinsames haben, außer nicht an Gott zu glauben.
  
Homogene Gruppen neigen dazu, sich zu radikalisieren
Psychologische Studien belegen schon seit langem, dass konstruktive Ergebnisse eher miteinander und nicht getrennt voneinander zu erzielen sind. Steckten Psychologen ausschließlich Gleichgesinnte in Gruppen, radikalisierten sich deren Meinungen in den gemeinsamen Diskussionen. Wenn alle das gleiche Lied singen, dann findet nur mehr die Einzelstimme Gehör, die am lautesten schreit.  
 
Zusammenfassung  
 
Es ist für den Zusammenhalt einer Gesellschaft äußerst wichtig, dass die grundlegenden Werte von einer großen Mehrheit der Bürger*innen geteilt werden. Um dies zu erreichen und zu sichern ist es erforderlich, besonders junge Menschen das Gemeinsame spüren und erleben zu lassen. Miteinander sollen sie die Welt und die menschliche Existenz ergründen, deuten und verstehen lernen sowie erfahren, welche Antworten die verschiedenen religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen auf die Fragen, die sich dabei stellen, geben.  
 
Bekenntnisgebundener Religionsunterricht führt nicht zusammen, sondern trennt. Es findet eine Aufteilung in formelle Gruppen statt, das persönliche Kennenlernen der religiösen oder nichtreligiösen Weltanschauungen der Mitschüler*innen wird unterbunden.  
 
Deshalb ist ein Unterrichtsfach erforderlich, das für alle Schüler*innen verpflichtend ist und bei dem keine Trennung nach religiöser oder nichtreligiöser Weltanschauung erfolgt. Es gilt Menschen zusammenzuführen und nicht zu trennen, zu integrieren und nicht zu separieren: durch ein Unterrichtsfach
„Philosophie und Religionskunde“ von der ersten bis zur letzten Klasse; damit aus dem immer deutlicher wahrnehmbaren Ab- und Ausgrenzen ein Aufeinander zugehen wird.
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Positionspapier der LAG Säkulare Grüne Bayern zur Einführung eines verpflichtenden Unterrichtsfaches „Philosophie und Religionskunde“ für alle Schüler*innen vom 16. November 2019